Der Berater schafft ein angemessenes Gesprächsklima

Index:

Anamnese 

Abgrenzung: Beratung, Coaching, Therapie 

Aufgabe des Beraters 

Bewegungsgesetz

Coachingformen 

Ersterinnerungen 

Ermutigung 

Fernziel

Finalität 

Gemeinschaftsgefühl

Geschwisterkonstellation 

Innerer Fesseln 

Klimagestaltung 

Kontinuierliche Reflexion

Lebensaufgaben 

Lebensstil

Männlicher Protest 

Menschenbild 

Minderwertigkeitsgefühl 

Nahziele 

Paradoxe Intention 

Selbstbild / Fremdbild

Setting

Tendenziöse Apperzeption

Übertragung

 
 
Klimagestaltung (4/2007)
Autor:  Michael Hoberg
Cartoon: Rupert Klein 
Kontinuierliche Reflexion
Autoren:  Ulrike Blum-Hoberg/ Michael Hoberg - Cartoon: Sabine Gruchmann-Schneider (
11/2008)
Lebensaufgaben
Autoren:  Michael Hoberg/ Hans-Peter Kasüschke
Cartoon: Rupert Klein (
5/2006)

Der individualpsychologische Berater schafft ein Gesprächsklima, in dem der Klient sich als gleichwertig akzeptiert fühlt. Dadurch erfolgt Entlastung bei dem Klienten, Angst und Widerstand werden reduziert. In der Literatur findet sich die Aussage, die Beziehung zwischen Berater und Klient solle „sachlich“ sein. Dies kann man nur bejahen, wenn man Künkel’s Definition zu Grunde legt:  „Die sachliche Verhaltensweise einem Menschen gegenüber ist die Menschlichkeit“. Die wohlwollend verstehende innere Einstellung gegenüber dem Klienten ist in der Beratung spürbar, da sie zwangsläufig dazu führt, dass der Berater   ein Gesprächsumfeld und eine Gesprächsatmosphäre schafft, die es dem Klienten ermöglicht, seinen inneren Druck zu reduzieren. 
In diesem Zusammenhang ist die angemessene Gesprächsvorbereitung des Beraters, inhaltlich und gefühlsmäßig, an erster Stelle zu nennen.  Der Berater gestaltet den Ersteindruck, der während des gesamten Gespräches – und ggf. darüber hinaus –  wirksam bleibt. Einfühlungsbereitschaft und wohlwollende Gesinnung gegenüber dem Klienten bestimmen das Klima ebenso wie Echtheit und Erkennbarkeit des Beraters. Strukturiertes Vorgehen des Beraters gibt Halt, selbstöffnendes, einfühlendes Verstehen geben emotionale Sicherheit. Ein ermutigender Gesprächsabschluss schafft die Basis für einen positiven Einstieg in Folgegespräche.
Die Gestaltung des Klimas ist ein kontinuierlicher Prozess, da jeder Eindruck mit einer  Bewertung verbunden ist, die sich wiederum  in einer Gefühlslage äußert.

 

Ein Berater ist auch nur ein Mensch und als solcher fehlbar. Er wird sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühen, seinen Klienten optimal zu beraten  Seinen Lebensstil und seine Nahziele kann der Berater dabei jedoch nicht ausschließen. Somit ist im Interesse seines Klienten eine ständige seelische Hygiene vonnöten. Das Verhalten des Beraters wirkt unmittelbar auf das Verhalten des Klienten. Daher ist für eine hohe Beratungsqualität ein großes Maß an sozialer Kom-petenz einer reflektierten Persönlichkeit erforderlich.

Das eigene Verhalten und die eigene Meinung werden immer mit der eigenen privaten Logik „legitimiert“, dies gilt auch für den Berater, der dann u.U. damit dem Klienten nicht gerecht wird. Damit ist eine sehr wichtige Haltung des Beraters, das „nicht wertende einfühlende Verstehen“ nicht mehr gewährleistet. Der Berater ist mit eigenen Meinungen und Befindlichkeiten beschäftigt und stülpt diese u.U. seinem Klienten über.
Kontinuierliche Reflexion eigenen Verhaltens, eigener Lebensstiltendenzen sind für den Berater selbstverständliche Pflicht, damit er immer freier wird von eigenen „Baustellen“ und sich unvoreingenommen auf seinen Klienten einlassen kann, ohne diesen zu manipulieren.
Diese Verpflichtung zur kontinuierlichen Reflexion durch andere, möglichst kompetente Reflexionspartner, ist unabhängig vom eigenen Kompetenzgrad, da jeder immer wieder an die Grenze seines Lebensstils und seiner privaten Logik stößt. Auch für Führungskräfte in der Wirtschaft, für Lehrer, Erzieher , Ärzte usw., also für alle Menschen, die mit Menschen verantwortlich arbeiten, sollte kontinuierliche Reflexion selbstverständlich sein.

Adler geht davon aus, dass das Leben eine Aufgabe ist: „das Leben aber ist kein Sein, sondern ein Sollen“. Vor diesem Hintergrund spricht er von den drei Lebensaufgaben Gemeinschaft, Liebe und  Beruf - man könnte auch sagen aktive Verbundenheit mit anderen Menschen, Partnerschaft oder Ehe, Arbeit oder Tätigkeit - die jeder Mensch zu erfüllen hat.

Die ausgewogene Umsetzung dieser Aufgaben ist der Schlüssel für die seelische Gesundheit des einzelnen. Eine Kompensation – oder Überkompensation – in einem Bereich geht unweigerlich zu Lasten der anderen Bereiche. Und da jeder Mensch ähnlich einem Mobile stets mit den anderen Menschen untrennbar verbunden ist, hat jede seiner Handlungen nicht nur Auswirkungen auf ihn selbst, sondern auch auf seine Mitmenschen. Wer nur für den Beruf lebtoder nur für ein Hobby, wird durch die Vernachlässigung der anderen Aufgaben nur einen unzureichenden Betrag zur Gemeinschaft leisten.
Adler zeigt im Zusammenhang mit den Lebensaufgaben die gesellschaftspolitischen Aspekte der Individualpsychologie auf. Er führt aus, dass Arbeit zum Nutzen der Gemeinschaft erforderlich ist, wobei dem einzelnen ein gerechter Lohnzusteht und Ausbeutung das Wohl der Menschen nicht fördern kann. Liebe definiert er als Aufgabe für zwei Personen (unterschiedlichen Geschlechts) zur „Erhaltung des Menschengeschlechts“. 
In der ausgewogenen Umsetzung der Lebensaufgaben sieht Adler die Chance, sich ohne Furcht auf Alter und Tod vorzubereiten.

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letzte Änderung der Seite:
 19. Juli 2015